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from the June 2016 issue

Kleinstadtnovelle

fällt es auf, wenn b. versucht, auf dem schulhof leute mit den augen zu verfolgen? da geht leif und wird angesehen. wie wirkt das, wenn es einer beobachtet? albern? mies? b. kennt leif seit einführung der reformierten oberstufe, die sie vereinzelt und an dieser schule hundertzwanzig klassenkameraden haben läßt. da ist es zufall, ob alte freundschaften locker werden, bleiben oder zerfallen. wie hoch ist der preis für ein paar unfreie fächerwahlen, sowieso eingeschränkt durch lehrer und raummangel, durch die gehaltsstufen der studienräte und deren ellenbogen, mit denen sie sich die guten kurse auf den fachkonferenzen erkämpfen? worum gehts hier eigentlich?, macht sich b. da in der deutschkonferenz unbeliebt: ums image, ums alter, um schönheit? wo sind denn nun die kriterien, nach denen kurse an die lehrer vergeben werden? wo bleibt die wahl der schüler, wenn der schlechteste lehrer die meisten kurse anbietet, die dann zwangsweise aufgefüllt werden? in einem der mißglückten kurse sitzt leif, und b. beobachtet ihn, nähert sich ihm durch pausenwitze, und setzt sich irgendwann im doppelstündlich zu bauenden halbkreis neben ihn, zwei stunden in der woche: kunst. b. verbringt die schulzeit mit leutetaxieren, fixiert leif, begleitet ihn auf dem weg zum kiosk, beobachtet ihn mit der cola, die b. gekauft hat, und leif nimmt sie, setzt sie an den mund und reicht sie an seine freundin weiter. b. bleibt allein, sich geduldig langweilige reden anhörend über chemie oder weine oder, gipfel!, motorräder. als bei b. unerwartet eine stunde ausfällt, sieht er leif mit anderen am kiosk stehen, und das erste gespräch findet statt zwischen ihnen, obwohl b. sich plötzlich beobachtet fühlt, unsicher ist, wie es die anderen bei mädchen werden. er stellt sich dazu und redet mit, über die sekundarstufenfahrt zum beispiel, die nach berlin geht oder auf eine skihütte oder an die französische grenze. alle hundertzwanzig der sekundarstufe zwei haben sich entschieden, und als b. feststellt, er fahre wie leif nach berlin, sagt der: geil. b. wird ihm von seiner angst erzählen vor cliquen, sagen: vor deiner, die geschlossen mitfährt und mich anmachen wird, ich werde mich zu den mädchen flüchten. und er wird sich nicht an den rat halten, den leif ihm mal alleine geben wird: zurückschlagen, wenn sies nicht erwarten!, b. will nicht auf sie einsteigen, biste zu schwach, fragt leif, irgendwie? vielleicht, sagt b., aber vor allem: ich will nicht stark sein, nicht sportlich, hab keine lust zum zuschlagen. b. ist verprügelt worden regelmäßig, und die einzige gegenwehr, die sie je erlebten, war eine ohrfeige. b. hatte sie im film gesehen und war stolz auf sie, aber der getroffene meinte nur: wien mädchen. du darfst das alles nicht so ernst nehmen, tröstet ihn leif männlich, vielleicht sogar mit einer spur verständnis und zärtlichkeit in der stimme, scheint es b., und er sagt: aufm schulhof kann ich abhaun, aber in berlin, wir alle aufm haufen? und seiner clique gegenüber, die zwar kein gespür hat aber augen, muß leif sogar verteidigen, daß er b. grüßt: ich grüß ja auch andere leute, mit denen ich nix zu tun hab. liane ist die verbindung zwischen b. und dieser gruppe, sie erzählt ihm von den neuesten gesprächen, den letzten kommentaren. die müssen ihm roh erscheinen im gegensatz zu dem aufgehobensein zu hause, und so ist es b. unmöglich, in die gruppe einzudringen und sich anzupassen erstmal, was nötig wäre, um sie alle zu verändern, um vorurteile etwa gegen lange mäntel abzubauen, die keine ähnlichkeit haben mit parkas oder öljacken. all das erledigt liane für ihn, ihre berichte halten ihn bei stimmung, sie liefert zugeschobene zettel oder kurze andeutungen auf dem hof mit langzeitwirkung. und b. lacht frech und überraschend bei selbstverständlichem wie: eins auf die lasche? er will leifs mackertum antasten, glaubt schon mit zweidrei anmachereien die kruste seiner männlichkeit zu durchbrechen. was hält b. an leif? diese aufgabe? die heimliche sehnsucht nach sosein? nach den anderen mackern? und umgekehrt? leif will was studieren, was geld bringt nachher: ein blöder job macht schon automatisch spaß, wenn man viel dafür kriegt! und mit so einem setzt sich b. in ein abteil auf der klassenfahrt und erträgt das normale. er ist immer geflüchtet davor, so beim sport, von dem er sich befreien läßt durch tricks und privilegien wie arztbekanntschaften, weil er nicht mit ansehen kann, wie schwitzende jungen miteinander umgehen: das anrempeln beim mannschaftsspiel und das verhöhnen der kleinen in der runde, was das äußerste ist an aufmerksamkeit. und das gemeinsame duschen wird zur qual, weil handtücher um jungenlenden nur der vorhang sind zum schauspiel: wer hat den größten und wer verbirgt am brutalsten seine scham? der mit der größten klappe kann es sich schon mal erlauben, einem andern zwischen die beine zu fassen, schmerzhaft und scherzhaft! natürlich, und verdammt männlich. so müssen es die imperialistischen armeen und folterer getrieben haben: miteinander ohneeinander, berührung erst erlaubt nach verweis auf fehlende weiber. ich würde kotzen, müßte ich zitieren. in den umkleideräumen herrscht das große gegeneinander so offen wie selten sonst. da werden männer erzogen, die schwule ticken und frauen vergewaltigen, da wird systematische glücksvernichtung betrieben. diese burschen übernehmen von ihren vätern doppeltes unglück: sie müssen männlich sein, um nichts zu verändern, und gleichzeitig so tun, als seien sie glücklich, fixiert auf den nächsten fick oder wichs, ohne möglichkeit zur flucht. daß b. sich entziehen will, ist ärgerlich und unverständlich, sie sagen: andersrum. b. strickt im abteil, bekakelt mit leyla und den anderen strickmuster, vauausschnitte und farbkombinationen, lehnt leifs bierdose ab und will nicht den ersten tag in der neuen stadt betrunken sein. brauchts, aber nicht mit diesen leuten, bitteschön! ein cognac im kaffee macht ihn euphorisch, läßt ihn die bewegung der welt beantworten mit: steck dir deine sorgen an den hut! oder: venceremos! b. sieht aus dem fenster des zugs und vermißt dieses seltene glücklichsein und schreckt auf und nimmt die brigitte, die ihm hingehalten wird: flucht. und dann wird diese art von flucht noch unvollkommener, er entzieht sich durch anpassung, betrinkt sich doch mit diesem sekzweidrittel, mit dem er in einer absurdkomischen stadt sitzt, deren kultur nur noch selbstverarschung ist, ein einziges besäufnis. doch dem nächtlichtotalen blackout der gruppe folgt dieser auftritt: leif erinnert sich, fängt b. nach dem frühstück ab, holt ihn auf sein zimmer, sagt: du warst gestern besoffen. b. ahnt, was kommt, sagt: du nicht?, ist aufgeregt, bekommt gesagt: ja, du hast was erzählt von liebe. ach, lacht b., ein schönes thema, nicht? zu mir. bitte? zu mir, du hast gesagt, ich war toll und schön, und du seiest in mich. und b.: ich war betrunken, hatte gelesen am tag, nachgedacht, verwirrung der sinne. bist du schwul? ja.

 

denn natürlich ist b. schwul. er geht mit den mädchen auf den schulhof, sieht sich um, grüßt, bleibt stehen und ist schwul. meine damen und herren, sie hören jetzt die sendung: ein homosexueller ist immer verdächtig, johanna müller berichtet über vorurteile gegen eine minderheit. welche vorurteile wir gegen homosexuelle haben und wie die damit umgehen, das soll in dieser sendung verhandelt werden. die originaltöne sind so entstanden: fünf homosexuelle männer haben sich interviews mit zwei heterosexuellen männern angehört und sind anschließend auf einige aussagen eingegangen. b.s bekanntenkreis ist groß, er gerät durch eine männergruppe in ein rundfunkstudio des örtlichen dritten programms mit eindrucksvoller toilette, in der man tanzen kann: mal sehen, ob ich auf die damen- oder die herrentoilette gehe!, verkündet er, ein lacherfolg, er flirtet mit dem leitenden redakteur, der germanistische kolumnen im stern schreibt und ihnen, zitat, mit warmherziger sympathie zugehört hat, wie er nach der aufnahme versichert. sie sitzen in der kantine des funkhauses, und b. langweilt das tuscheln der anderen: hast du den?, guck mal der!, ist das nicht?, weil er keinen von denen kennt. auf der fahrt hierher hat er martina getroffen und es ihr in wagemutiger stimmung erzählt: also, da wird ne sendung gemacht, fünf schwule in nem studio, und wieso dann du?, ganz einfach, achso. und sie wird vor dem radio sitzen wie alle aus der schule, und es wird bekannt sein danach. und wenn einer sagt, ich tue nichts gegen das bekanntwerden meiner homosexualität aber auch nichts dafür, dann ist das zu einfach. vielleicht ist das bewußte tragen des rosa winkels, der kennzeichen der schwulen in kzs war, die nur komische überschätzung der eigenen isolation, aber es gibt diffamierung in jeder form. es gibt sie in ratlosigkeit, verlegenheit, lachen oder behandlung. wie normal ist b.? b. wird ermuntert, sich zu schminken. ist das die neue modefarbe red champagne?, fragt er die lenkel während einer arbeit und deutet auf ihre fingernägel. sie lacht, sagt nein, entgegnet: wenn sies schön finden, warum tragen sies nicht? das würde ihnen bestimmt stehn! b. ist verblüfft, lacht, sagt: nee ach was, darauf die lenkel: warum nicht? mich störts nicht, heute ist doch alles erlaubt! na das wär schön, sagt b. und schreibt weiter. kauf das, das steht dir, sagt laura, als sie zusammen in der großstadt einkaufen. das hier? das ist für mädchen. quatsch, sagt laura, ist doch egal. und b. wird mutiger, steckt sich straßbroschen an die jacke, trägt den schwarzen plastikreif von leyla passend zur damenuhr. ha! ein junge trägtn ring! ruft b.s cousine, die auf seinem schoß sitzt in der straßenbahn. na und? sagt b. widerwillig, willste auch einen?, und sie springt runter, kräht im aufdiemutterzulaufen: mutti mutti der hatn ring! ja? lacht die unbeholfen entschuldigend, blickt ihn an und gleich wieder weg. mache folgenden test, wenn du wissen willst, ob da gerade ein schwuler an dir vorbeigeht, mutter: wippt dein opfer beim gehen? ist es gekleidet nach der neuesten mode? hat es ein frustriertes gesicht? der durchschnittliche schwule hat ein gesicht wie eine sitzengelassene frau. er ist getreten worden, seit sich seine kindesbeine behaarten: nicht nur massenmedien arbeiten daran und eltern, auch psychiater. und wenn der stern schreibt, nicht alle homosexuellen üben den analverkehr aus, dann ist das das retten einer ehre, die nicht existiert. die ehrenrettung des sich der bürgerlichen moral entziehenden durch den bürger kann nur bürgerlich sein, also absurd. die ehre des schwulen gleicht der des mittelstands, er lächelt bei jeder tätigkeit und ist unzufrieden, wenn sein käppi verrutscht: ist das ne ehre? b. fragt sich das noch, ehe der typ an ihm vorbeikommt: würde b. ihn am arm festhalten, zu ihm sagen: kommste mit, ich möchte!, dann bekäme er vielleicht eine geschallert. verblüffung ist nicht stark genug, deine erziehung anzutasten, und das überlegt sich b. viel zu oft und verpaßt sicher was. als b. sieht, daß sich der typ an ein schaufenster stellt, stellt er sich daneben und beobachtet ihn in der scheibe, der merkt das, aber ein lächeln nützt nichts, man geht auseinander. manchmal übt b. vor dem spiegel lächeln, weil es oft so wenig nützt. wenn der nicht schwul ist, dann ist es keiner! denkt b., weil er nen jungen entdeckt hat, der ihm gegenüber sitzt in der bahn: blond, modisch, die form der brille!, die schmalen hände, gerade durchkramt er seine brieftasche, ordnet fotos, besieht sein bild im führerschein, holt den geblümten notizblock hervor, arrangiert sich dann in der ecke, den handrücken an der wange, da blitzts am linken ringfinger!, na bestimmt nur so, der bestimmt!, zwar ungeschminkt und ohne ohrring, nach dem b. sich manchmal sehnt, aber das kettchen! die übergeschlagenen beine!, die b. von sich kennt, weil auch er. ziemlich spät hat der typ gemerkt, daß b. ihn anstarrt. er ist älter als b. ihn anfangs geschätzt hat und hübscher, denn er guckt jetzt auch zurück. gleich ist ihre beziehung zu ende, b. ist da, steigt der mit aus? b. steht auf, wirft sich ein paar sachen über immer mit blick auf den, der macht aber keine anstalten, aufzustehen, und als b. am ausgang ist, hat er die hoffnung aufgegeben. worauf? dann kommt der doch noch und begleitet b. ein stück, bis ihn die freundin abholt, die er mit einem küßchen begrüßt, und beim weggehen beobachtet b.: die heteros werden auch immer weibischer.

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