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from the July 2015 issue

לוחם Lochem

Er sagt nicht, dass er keine Wahl hatte. Er sagt, sein Vater war auch Soldat. Er sagt, wenn er heute die Wahl hätte, dann würde er vielleicht anders wählen. Damals hat er so gewählt.

Meine beiden Großväter waren auch Soldaten und haben für den Irren gekämpft, der seine Großeltern im KZ vergasen ließ. Aber er hat noch nie nach meinen Großvätern gefragt.

Fünf Jahre war er in den besetzten Gebieten stationiert. Freiwillig. Während der ersten Intifada. Das erzählt er sofort. Jedem. Aber was das heißt, wissen nur die, die dabei waren.

Er war Offizier in einer Elite-Einheit und was das heißt, will ich eigentlich gar nicht wissen.

Er weiß noch alle Namen der gesuchten Terroristen von damals Mohammad Taha, Ahmed Yassin, Khaled Maschall ...

Elite-Einheit, erste Intifada, besetzte Gebiete, Offizier, Prost Mahlzeit, sagt der Nahostkonflikt. Der Nahostkonflikt geht mir tierisch auf den Zeiger, aber seit ich ihn kenne, ist er immer mit dabei.

Morgens raucht er als Erstes eine Zigarette. Seit der Armee macht er das. Da muss man schnell aufstehen, aber so viel Zeit muss sein, sagt er, für eine Zigarette.

Acht Monate war er im Flüchtlingslager Deheisheh bei Bethlehem danach in Jenin, Hebron, Tul Karm, Kalandia. Überall da, wo es gebrannt hat.

Er war ein Kämpfer und was das heißt, wissen nur Kämpfer, sagt er. Deshalb versteht er sich mit denen am besten. Mit ehemaligen Kämpfern, wie ihm.

Ich bin kein Kämpfer.

Er versteht sich auch mit den ehemaligen palästinensischen Kämpfern besser als mit mir, sagt er. Kämpfer ist Kämpfer. Er hat sogar ehemalige palästinensische Kämpfer-Freunde.

In Deheisheh hat er einem kleinen Mädchen das Leben gerettet. Das Mädchen ist aus einem Fenster im zweiten Stock gefallen. Er war auf Patrouille und hat Geschrei gehört und das Mädchen da liegen sehen. Er hat sie aufgehoben und in die Ambulanz gebracht und die ganze Zeit gedacht, hoffentlich stirbt sie nicht in meinen Armen. Sie ist nicht gestorben. Sie hat sich beide Beine gebrochen. Ein Offizier wollte kurz darauf von ihm wissen, wo die Familie des Mädchens wohnt, weil so ein Vorfall eine gute Gelegenheit ist, um palästinensische Kollaborateure anzuwerben. Daran hat er nicht gedacht, als er das Mädchen aufgehoben hat. Er kann sich nicht mehr genau erinnern, wo das Haus stand. Es ging alles so schnell, sagt er.

Zwanzig Jahre später ist er kein Soldat mehr, sondern Journalist und als solcher ist er nach Deheisheh zurückgekehrt, um das Mädchen zu suchen, das er gerettet hat, und um herauszufinden, ob sich noch jemand daran erinnert. Keiner will sich erinnern. Die Mutter des Mädchens sagt, sie hat ihre Tochter gerettet. Die Erinnerung will er der Mutter und der Tochter nicht nehmen. Weil ihm keiner seine Erinnerungen nehmen kann. Er hat einen Artikel geschrieben, über das, woran er sich erinnert.

Er erinnert sich an alles:

An die Namen der Terroristen und das Camp in dem kleinen Pinienwäldchen auf dem Hügel. An die täglichen Patrouillen und Hausdurchsuchungen. An die Fotoalben und die Bücher, die sie wahllos mitgenommen haben, obwohl sie nicht wussten, was drin stand, weil sie kein Arabisch konnten. An die Steine schmeißenden Kinder, die immer schneller waren als sie. An den besonders brutalen aus seiner Einheit, der zwei palästinensische Gefangene zu einer Befragung begleitet hat und so verprügelte, das eine Befragung nicht mehr möglich war. An die Fahnen und Parolen, die über Nacht an den Häusern hingen und tagsüber entfernt werden mussten. Von wem, bestimmten sie, und wer sich weigerte, wurde festgenommen oder geschlagen. Jeden Tag. An die halbstarken Jungs, denen sie mitten auf der Straße gewaltsam die T-Shirts mit den verbotenen Slogans drauf ausziehen mussten. An leergeschossene Patronenhülsen, Tränengas, brennenden Müll und die Toten.

Damals in Deheisheh hat er täglich versucht, die Erinnerung an Deheisheh abzuwaschen.

Genauso wie in Jenin, Hebron, Tul Karm, Kalandia und überall sonst, wo sie waren.

Sonnenuntergang, Bier, Katzen, Musik, Gelächter.

Wir sitzen in einem Café in Tel Aviv und kiffen. Der Nahostkonflikt schlendert vorbei.

Morgen machen wir einen Ausflug, sagt er.

Palmen, Burekas, Kaffee im Pappbecher, Stau auf dem Ayalon, Hochhäuser, Hitze.

Der Nahostkonflikt macht es sich auf dem Rücksitz bequem und beginnt vor sich hin zu dösen.

Er nimmt mich mit zu einer palästinensischen Familie, der er ein Versprechen gegeben hat. Der Vater wurde von einem Siedler ermordet, der Siedler wurde verurteilt, aber er ist dann doch entwischt. Er will den Siedler finden und zur Rechenschaft ziehen. Das hat er der Familie versprochen. Was passiert, wenn er ihn gefunden hat, weiß er noch nicht.

Bei einem Armee-Stützpunkt hält er an und fragt die Soldaten, was sie machen. Sie machen eine Übung.

Der spielt den Terroristen, sagt er und deutet auf einen Soldat, der sich hinter einem großen Stein versteckt. Der Nahostkonflikt gähnt.

Auf der Straße liegen tote Hunde.

Kurz vor dem Dorf halten wir an, in der Nähe einer Kreuzung, bei einem verlassenen Wachturm. Er baut einen Joint. Ich kann nicht kiffen, nicht so früh am morgen. Der Nahostkonflikt kifft mit.

Die Familie sitzt noch beim Frühstück auf dem Boden im Wohnzimmer. Sie kochen Tee und schicken uns auf die Terrasse, um in der Zwischenzeit aufzuräumen. Der Muezzin ruft. Die Mutter hat vier Töchter und zwei Söhne. Yasmine, Tala, Shehenaze, Samira, Mohammad und Nassar. Yasmine und Mohammad sind blind. Wir sitzen da und trinken Tee. Der Nahostkonflikt verabschiedet sich, um ein paar Runden um den Block zu drehen.

Er fährt zu einem Augenzeugen von damals, den er dazu bewegen will, nochmal auszusagen. Ich bleibe da, bei den Frauen.

Die Frauen finden meine Haut schön, so faltenlos. Ob ich verheiratet bin? Nein. Ob ich Jüdin bin? Nein. Wenn du es wärst, wäre es auch nicht so schlimm, sagt Yasmine.

Sie haben zwei Stockwerke auf das Haus gebaut. Tala sagt, vom Dach des Rohbaus aus kann man die Kreuzung sehen, auf der ihr Vater erschossen wurde.

Auf dem Dach trocknet weiße Wäsche.

Er kommt zurück. Der Augenzeuge von damals will nicht aussagen. Nicht heute. Vielleicht morgen. Wir essen gemeinsam mit der Familie. Der Nahostkonflikt will auch Melochia. Dann fahren wir los, die Sonne steht tief.

Die Straßen sind frei. Am Shabbat sitzen die Siedler mit ihren Familien in ihren weißen Festungen.

Wir halten wieder an, bei dem verlassenen Wachturm und den toten Hunden. Er baut einen Joint, diesmal kiffe ich mit. Es dämmert. Die Hügel verfärben sich lila.

Wachtürme, Barrikaden, Sperrgebiet, Stacheldraht, Olivenbäume, Steine.

Plötzlich bremst er abrupt ab.

Vor uns auf der Straße steht Gott. Gott will Knafeh. Wir auch.

Die beste Knafeh gibt es in Nablus, das weiß jeder.

Der Nahostkonflikt und Gott bleiben im Auto. Wieso jetzt auf einmal, frage ich. Kein Bock, lautet die Antwort.

In dem kleinen Laden herrscht Hochbetrieb. Es ist Freitagabend nach dem Gebet. Wir gehen rein und alle gucken uns an. Er spricht hebräisch. Er sagt, wenn sie wissen, wer ich bin, dann tun sie mir nichts. Er sagt, er hat keine Angst.

Ich sehe einen Soldaten, der mir Angst macht.

Er sagt, wenn wir endlich kapieren, wie viel uns die Besatzung kostet, werden wir damit aufhören. Und dann? Sie werden euch nicht einfach so vergeben, denke ich. All die Jahre, die Checkpoints, die Wachtürme, die Sperrgebiete, die Mauern, die Olivenbäume, die Steine, den Stacheldraht.

Er hat noch nie über Vergebung nachgedacht, sagt er.

Am Checkpoint werden wir aufgehalten. Gott hat einen arabischen Namen und ich einen deutschen Pass, das ist verdächtig. Er regt sich furchtbar auf, das sei total rassistisch, bloß weil Gott einen arabischen Namen hat. Der kann auch gefälscht sein, sagt die Tante von der Sicherheitsfirma.

Der Nahostkonflikt geht pissen und ich stehe stumm da. Dass wir alle total bekifft sind, interessiert übrigens keine Sau. Irgendwie schafft er es, dass uns die Befragerei erspart bleibt. Nach fünfzehn Minuten fahren wir weiter.

Kurz nach der Armee ist er zum ersten Mal allein in die besetzen Gebiete gefahren. Nach Bethlehem. Um Falafel zu essen. Als Soldat durfte er dort nie Falafel essen. Die Soldaten dürften überhaupt nichts von dort essen. Weil sie vergiftet werden könnten. Er ist allein hingefahren, aber er hat eine Waffe mitgenommen, um sicher zu gehen. Er hat sie so getragen, dass jeder sie sehen konnte und Falafel gegessen.

Gott hat genug von dem Thema und fragt, ob wir ihn an der nächsten Kreuzung rauslassen können. Gott will nach Jerusalem. Wir fahren weiter nach Tel Aviv.

Der Nahostkonflikt will saufen. Ich schreie ihn an und sage, er soll sich jemand anderen zum saufen suchen.

Fünf Stunden später sitze ich bekifft hinter ihm auf dem Roller und halte mich zum ersten Mal an ihm fest. Weil ich totale Panik habe, bekifft und betrunken Roller zu fahren, auch wenn es drei Uhr morgens ist und die Straßen frei.

Er sagt, er hat versucht sich das Leben zu nehmen.

Obwohl ich kein Kämpfer bin, gibt es etwas, das wir gemein haben. Wir müssen über das schreiben, womit wir nicht klar kommen.

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