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Words Without Borders is one of the inaugural Whiting Literary Magazine Prize winners!
from the July 2015 issue

Hymne auf einen amerikanischen Eiergroßhändler

Am 06. Mai 1946, dreißig Meilen östlich von Dayton/Ohio, in 6.000 Fuß Höhe, in einem alten C-54 Transportflugzeug. John Conkey, einssechsundneunzig groß und ob des verschaukelten Starts noch immer reichlich bleich im Gesicht, schnallt sich ab und trabt  durch den komplett entkernten Innenraum der Maschine nach vorn zu Ray Melanchthon Petersime, der auf der anderen der beiden verbliebenen Sitzreihen Platz genommen hat und gerade ein Nest namens South Solon unter sich auftauchen sieht, ein vom Allmächtigen in einer nachlässigen Sekunde unmotiviert zwischen klatschnasse Felder geworfener Haufen Häuser, der seinen Ursprung in einer Poststation hat, die Gottweißwer am Rand einer Ackerfurche hochgezogen und –

 

»Mr. Petersime?«

»Mr. Petersime, Sir?«

»Ja.«

»Wir könnten dann mit dem Interview beginnen. Das heißt, wenn es Ihnen recht ist.«

»Interview?«

»Für die Hatchery Tribune

»Solon war auch ein Tribun, nicht wahr?«

»Äh, wie meinen?«

»Haben Sie je Hühner auf einer Tribüne sitzen und brüten sehen, John?«

»Ich könnte auch später «

»Nein, nein, setzen Sie sich, setzen Sie sich zu mir und lenken Sie mich ein wenig ab.«

»Danke, Mr. Petersime.«

»Ray, nennen Sie mich Ray.«

»Natürlich, Mr. Petersime. Ray.«

»Also, schießen Sie los.«

»Ich sollte Ihnen zunächst vielleicht mitteilen, dass die Hatchery Tribune nicht das einzige Fachmagazin für Geflügelzucht ist, für das ich schreibe. Ich meine, amerikanische Eier fliegen nicht jeden Tag nach Polen.«

»Zumindest nicht in dieser Form, John.«

»Mr. Petersime?«

»Ray.«

»Also, was ich damit sagen will, ist, auch im American Poultry Journal wird ein Beitrag erscheinen, und die Poultry Tribune hat in ihrer Midwest-Ausgabe gleich zwei volle Seiten reserviert.«

»Und Sie sind die eierlegende Wollmilchsau mit der Schreibmaschine.«

»Sozusagen.«

»Na, dann wollen wir mal.«

»Bevor wir anfangen, würde ich gern, das heißt, nur für die Akten «

»Ich bin ganz Ohr.«

»Ray Melanchthon Petersime, geboren am 6. April 1899 in Darke/Ohio.«

»Korrekt.«

»Sohn von Ira Melanchthon Petersime, der 1922 den ersten elektrisch beheizbaren Brutschrank entwickelt hat.«

»Ein wahres Wunderwerk amerikanischer Technik.«

»Sie selbst sind Erfinder eines mehrfach patentierten Geflügelbrutkastens.«

»Absolut.«

»Und Inhaber der Petersime Incubator Company in Gettysburg.«

»Leider nicht das Gettysburg, in dem wir damals den Konföderierten die Eier abgeknipst haben.«

»Ich nehme an, Sie meinen den Bürgerkrieg.«

»Ich meine den Krieg, dessen drei größte Generäle allesamt aus Ohio stammten. Ulysses S. Grant« – hebt die Stimme – »Philip Sheridan und« – steht auf – »William Tecumseh Sherman.«

»Sie wissen nicht zufällig die Patentnummern?«

»Der Generäle?«

»Ihrer Geflügelbrutkästen.«

»Oh, natürlich, klar: 1884843, 1918125, 2248296 und, warten Sie – «

»Danke, das reicht schon, ist genau eine für jeden Bericht. Ich meine, dann sieht es so aus, als ob … naja, Sie wissen schon …  «

»… die eierlegende Wollmilchsau drei Schreibmaschinen hätte?«

»Gewissermaßen.«

»Also gut, wo waren wir stehen geblieben?«

»Ihre Eier, Mr. Petersime.«

»John!«

»Verzeihen Sie.«

»Ray.«

»Ich meine, wir wollten über Polen sprechen, und die Tatsache, dass Sie dieses Flugzeug hier gechartert haben, um 55.800 Eier nach Warschau zu bringen und die polnische Hühnerzucht anzukurbeln.«

Zeit für den Piloten, sich an Mr. Petersime zu wenden.

»Sir, wir landen in wenigen Minuten in Newark, wenn Sie sich bitte hinsetzen und anschnallen würden.«

»Newark?!«, kommt es ebenso plötzlich wie verwundert aus John Conkeys Mund, doch als er sich mit um Aufklärung bittenden Augen zurück zu Mr. Petersime dreht, sieht er, dass der nicht ihn, sondern den Piloten anschaut.

»Danke, Jakem.«

Und dann leise, sehr leise, an John Conkey gewandt:

»Wir haben ihn von der Air Force bekommen. Wir sollten tun, was er sagt.«

 

 

 

Kurz nach dem Start in Newark, irgendwo über dem westlichen Atlantik, in 8.000 Fuß Höhe

 

»Mr. Petersime.«

»Ray.«

»Sie haben gesagt, die Idee mit den Eiern sei entstanden, als Sie gesehen haben, wie anderthalbtausend amerikanische Kühe ein Schiff nach Europa bestiegen.«

»Es waren viele Schiffe, John. Und um ehrlich zu sein, hat es mit Ben Bushongs Bullen angefangen. Sie haben am 14. Mai letzten Jahres in Saint Johns ein Schiff bestiegen und sind damit nach Griechenland gefahren.«

»Griechenland?«

»Athen, um genau zu sein.«

»Und das Schiff?«

»Die M.S. Boolongena, John.«

»Ich weiß nicht, ob ich Ben Bushongs Bullen besteigen die Boolongena schreiben kann, Mr. Petersime. Ray.«

»Verstehe, zu viel B-Ware, was?«

»Sie sagen's.«

»Na schön, dann schreiben Sie einfach, die Idee mit den Eiern sei mir gekommen, als ich sah, wie am 6. September 1945 einhundertfünfzig Färsen an Bord der S. S. Zona Gale den Hafen von Baltimore verließen.«

»Färsen, Sir?«

»Kühe, die noch nicht gekalbt haben.«

»Oh, natürlich, klar.«

»Die Färsen sind mit einem Frachtschiff nach Frankreich gesegelt, und die Cowboys der Weltmeere haben sie dabei begleitet. Es waren die ersten ihrer Art, John. Männer, die sich erst kurz zuvor im Hafen von Baltimore ihre Sozialversicherungsnummer abgeholt hatten und plötzlich auf dem offenen Wasser umhertrieben und ihre ledrigen Gesichter auf die warmen Leiber der Kühe pressten.«

»Ray?«

»John?«

»Sind die Cowboys nicht seekrank geworden?«

»Sie waren alle seekrank, John, allesamt – «

»Was ist aus ihnen geworden?«

»Pazifisten, sie wurden allesamt verdammte Pazifisten!«

Dies natürlich Jakem.

»Und jetzt schnallen Sie sich wieder an, wir bohren unser Fahrwerk gleich in das einzige Stück Beton von ganz Neufundland «

 

 

 

Über dem Atlantik, in 12.000 Fuß Höhe in südöstliche Richtung fliegend

 

»Mr. Petersime.«

»Ray.«

»Ich würde gern noch mal auf den Ausgangspunkt ihrer Reise zurückkommen.«

»Das Verschiffen der Kühe?«

»Ich dachte eher an das Einsammeln der Eier. 55.800 Stück haben Sie gesagt.«

»Absolut richtig, John. 55.800 Eier, von zertifizierten Hühnern gelegt und von nicht weniger zertifizierten Experten für gut befunden.«

»Welche Sorte?«

»Weiße Leghorn und Rote Rhodeländer.«

»Zwei äußerst widerstandsfähige Rassen.«

»Gewiss, und deshalb bestens geeignet für Polen. Schließlich sind die äußeren Umstände dort derzeit nicht gerade die besten, was die Haltung und Aufzucht von Hühnern betrifft.«
»Sie sagen es.«

»Ich sage Ihnen sogar noch mehr, John. Die Hühner, die unseren amerikanischen Eiern entsteigen, wissen, dass sie sich in Polen von der ersten Sekunde an durchkratzen müssen. Sobald sie die Schale zerbrechen, die sie jetzt noch schützt, wird nichts mehr so sein, wie es war.«

»Ein schöner Satz, Mr. Petersime, Ray. Darf ich Sie damit zitieren?«

»Natürlich, John. Aber vergessen Sie nicht hinzuzufügen, dass die ersten amerikanischen Hühner am 7. Mai 1946 polnischen Boden betreten haben.«
»Aber wieso, ich meine «

»Hören Sie, John, die Sache ist folgende. Soweit ich weiß, plant Don Turnbull, der Geschäftsführer der International Baby Chick Association, ebenfalls einen Eiertransport nach Polen.«

»Was Sie nicht sagen?!«

»Und ob! Angeblich will Turnbull sogar 56.000 Eier ausfliegen und sie dem polnischen Landwirtschaftsminister persönlich übergeben.«

»Das sind 200 Eier mehr als wir an Bord haben!«

»Richtig, nur ist das Flugzeug, das die IBCA gechartert hat, nicht vor dem 18. Mai startklar, weshalb wir die ersten sein werden, die Eier nach Polen bringen. Und zwar am 7. Mai. Weniger als ein Jahr nach dem offiziellen Kriegsende.«

»Verstehe, Mr. Petersime.«

»Ray.«

»Wenn Sie wollen, können Sie gern noch etwas zur politischen Dimension Ihrer Reise sagen.«

»Oh, ich verstehe nicht viel von Politik, John. Was Politik angeht, so fragen Sie am besten« – laut – »Mr. Quibble!«

Zu ihren Füßen öffnet sich eine Klappe und ein kahl rasierter Schädel schiebt sich aus der Tiefe des Flugzeugbauches empor, hoch bis vor die Mr. Petersimes Knie.

»Mr. Quibble hat mit den Russen die Landegenehmigung ausgehandelt.«

»Aber« – John, verwirrt – »ich dachte, wir fliegen nach Polen.«

»Sehen Sie, genau deswegen«, sprichts, schaut John Conkey eindringlich an und fängt an zu referieren. »Die europäische Geographie ist voller Unwägbarkeiten. Ein See, in den alle ihre Steine reinwerfen und behaupten, die Wellen markierten ihr Reich. Und dabei ist es ganz egal, ob sie am Ufer stehen und werfen oder ihre Steine aus der Luft fallen lassen. Manche schnippen sie sogar aus der Tiefe empor.«

»Sie meinen – «

»Ich meine, man braucht einen guten Anwalt, wenn man den großen Teich überqueren will, Mr. Cockney.«

»Conkey.«

»Sie wissen nie, wem das Land gerade gehört, auf das sie Ihren Fuß setzen.«
Erfreut, dass Mr. Quibble vor ihm aufgetaucht und die Sache mit der Politik damit geklärt ist, unterbricht Mr. Petersime den Dialog und wendet sich an John.

»Mr. Quibble ist Rechtsanwalt. Mit anderen Worten, ein Spezialist in Spitzfindigkeiten aller Art.«

»Mr. Petersime!«

»Keine Sorge, Quibble, ich bin froh, Sie an meiner Seite zu wissen.«

»Gut zu hören, Mr. Petersime.«

»Ray. Aber wie dem auch sei, erzählen Sie unserem jungen Freund doch bitte etwas über die politische Dimension unserer Reise.«

»Sagen wir so, die UNRRA hat die ganze Sache hier organisiert und die BSC hat geholfen, dass alles seinen Gang geht. Ich meine, die Jungs waren schon beim Minnesota Hunger Experiment dabei, die wissen, was sie sich antun.«

»Ähem, Mr. Quibble, wenn Sie vielleicht «

»Hören Sie, Cockney, ich hab nicht viel Zeit, wir haben da unten ne Menge zu tun.«

»Probleme, Quibble?«

»Kann man so sagen, Mr. Petersime. Wir versuchen gerade ein paar von den Hühnern zurück in ihre Eier zu stopfen. Glauben offenbar, sie seien bereits in Polen. Professor Jull ist vollkommen verzweifelt. Hat gesagt, er habe so was noch nie erlebt.«

»Soll nach oben kommen, dieser Jull.«

»Soll unten bleiben, dieses Weichei, wir gehen sowieso alle gleich runter!«

Natürlich, Jakem …

»Jakem, wo sind wir?«

»Kurz vor den Azoren, Sir.«

»Und das da unten?«

»Ist ein amerikanischer Großflughafen, Sir.«

»Militärgebiet, Jakem?«

»Ein Luftwaffenstützpunkt. Von der Heiligen Maria persönlich bewacht. Gibt weit und breit keinen besseren Ort für Ihre Eier.«

»Dann gehen Sie runter, Jakem.«

»Bin schon dabei «

 

 

 

Kurz nach dem Start von den Azoren

 

»Professor Jull.«

»Ja?«

»Kommen Sie hoch und erzählen Sie uns, was da unten los ist.«

Morley A. Jull steckt seinen Kopf aus der Luke, als sei's ein Schützengraben.

»Gern, Mr. Petersime.«

Und, während er sich die Brille zurecht rückt, an John Conkey gewandt:

»Ich nehme an, der junge Herr kennt meine Studie.«

»Welche Studie?«

»Die über den Einfluss von Luftdruck und Temperatur auf fliegende Eier.«

»Was?«

»Er kennt sie offenbar nicht.«

»Nun, dann muss ich ein wenig ausholen.«

Und rückt sich die Brille ein zweites Mal zurecht.

»Vor zwei Jahren haben Dr. Philipps und ich eine Studie durchgeführt, bei der es darum ging, herauszufinden, ob der Transport von Bruteiern beschleunigt, das heißt das gemeine Ei auch per Luftfracht versandt werden kann. Was wir herausgefunden haben, ist äußerst interessant, doch möchte ich zunächst einmal anmerken, dass Dr. Philipps und ich am Institut für Geflügelkunde der Universität Maryland beschäftigt sind und dass – Sie sollten das in Ihrem Artikel unbedingt erwähnen – unsere Studie von American Airlines mitfinanziert wurde.

Notiert? Sehr schön. Also, was haben wir getan? Im Grunde handelte es sich bei unserer Studie um einen einfachen Vergleich. Um einen solchen aber überhaupt durchführen zu können, braucht man einen Vergleichspunkt, ein – wie sie das in Europa nennen – tertium comparationis.«

»Könnten Sie das bitte buchstabieren, Professor Morley.«

»Wir sitzen in einem amerikanischen Flugzeug, junger Freund.«

»Gewiss, aber wir fliegen «

»  mit einer C-54 von American Airlines. Genau wie unsere Eier vor zwei Jahren, das heißt die Hälfte von ihnen, schließlich hatten wir die andere Hälfte im Institut für Geflügelkunde der Universität Maryland eingelagert.«

»Zu Vergleichszwecken, nehme ich an.«

»Zu Vergleichszwecken, genau, und weil das Institut für Geflügelkunde der Universität Maryland ideale Lagerbedingungen für derlei Experimente bietet.«

»Sir?«

»180 Eier im IGUM und 180 Eier mit AA in der Luft – und jetzt raten Sie mal, was passiert?«

»Nichts?«

»Genau, nichts! Es ist absolut nichts passiert. Fünfzehn Embryonen starben am Boden und zwanzig in der Luft – kein signifikanter Unterschied. Und die Brutquote? 88.7% bei den American-Airlines-Eiern und 91.5% bei den Universität-von-Maryland-Institut-für-Geflügelkunde-Eiern – kein signifikanter Unterschied. Und die unfruchtbaren Eier? Hier drei, da drei. Überhaupt kein Unterschied mehr. Und das, obwohl die Eier sechsunddreißig Stunden lang in 12.000 Fuß Höhe durch die Luft geflogen sind.«

»Genau wie wir.«

»Ja, genau wie wir, nur dass es in unserem Fall ein klitzekleines Problem gibt.«

Was für den Geflügel züchtenden Eiergroßhändler das Stichwort liefert, sich in den Dialog einzuschalten.

»Probleme, Mr. Jull? Mit den Hühnern?«

»Ganz recht, Mr. Petersime. Sie fangen an, in signifikanter Zahl aus ihren Eiern auszubrechen. Ich meine, noch sind es nur Küken, aber sie beginnen «

»Sie beginnen was, Mr. Jull?«

»Zu wachsen «

»Und Sie können sich das nicht erklären?«

»Nun, ich fürchte, es hat etwas mit der Zeitverschiebung zu tun. Wir sind mit unseren Eiern damals nur zwischen Washington und L. A. hin- und hergeflogen, das heißt, wir hatten nur drei Stunden Zeitunterschied, und selbst die haben wir noch miteinander verrechnet. Drei vor, drei zurück, drei vor, drei zurück, so lange, bis wir wieder zu Hause in Maryland waren. Aber jetzt … jetzt entfernen wir uns immer weiter von Maryland.«

»Wir fliegen nach Polen, Mr. Jull.«

»Polen, ganz recht. Und die Küken hacken sich wie Schlesische Bergmänner durch die Schale.«

»Wie viele sind es?«
»Ein paar Dutzend, aber es werden mit jeder Minute mehr. Wir können von Glück reden, dass die Eier so eng gestapelt sind. Die meisten Küken dürften nur auf ein weiteres Ei treffen, wenn sie ihre Schale aufgebrochen haben.«

»Was bedeutet das, Mr. Jull?«

»Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Vielleicht verbrüdern sie sich und hacken zusammen weiter, vielleicht gründen sie aber auch Wohngemeinschaften, Kommunen, ganze Städte.«

»In diesem Flugzeug?«

»Das will ich nicht hoffen, Mr. Petersime. Aber die Polen sollten noch schnell ein paar Drahtzäune spannen, bevor wir landen. Es könnte sonst sein, dass das Land von Weißen Leghorns und Roten Rhodeländern überrannt wird.«

Woraufhin John:

»Mr. Petersime, ich fürchte, ich werde darüber schreiben müssen, wenn es passiert.«

»Es wird nicht passieren, John!«

»Aber woher wollen Sie «

»Wer hat im Frachtraum das Kommando, Mr. Jull?«

»Mr. Martinet, er ist kriegserfahren. Sagt, er habe in den Ardennen einen Trupp Deutscher tagelang in Schach gehalten. Allein, mit einer Quäkerkanone.«

»Quäkerkanone?«

»Ein Baumstamm, der eine Haubitze nachahmt.«

»Und die Deutschen sind darauf reingefallen?«

»Und wie sie das sind!«, dies Mr. Martinet lauthals aus dem Bauch das Flugzeugs, »aber die verdammten Küken hier kriegen Sie damit nicht wieder zurück in die Eier, also scheren sie sich gefälligst runter, Mosley, und helfen sie Ihren Kameraden beim Stopfen.«

Morley A. Jull tritt zurück.

»Mosley, er nennt mich die ganze Zeit über Mosley.«

Und öffnet die Klappe und verschwindet.

»Nun, wir wollen hoffen, dass sie es schaffen, nicht wahr, John.«

»Sollten wir Ihnen nicht «

»Helfen?«

»Ja.«

»Hören Sie, John, der Bauch dieses Flugzeuges ist voll mit Männern, die nur darauf warten, etwas zu tun.«

»Und ich dachte wir hätten nichts als Eier an Bord «

»Haben Sie jemals amerikanische Männer ohne Eier gesehen, John?«

»Nein, Mr. Petersime … Ray … ich meine, ich war noch nie …«

»Gut, wenn es keine amerikanischen Männer ohne Eier gibt, John, warum glauben Sie, sollte es amerikanische Eier ohne Männer geben?«

»Und warum, verdammt noch mal, sollten amerikanische Eier allein nach Paris fliegen?!«

»Paris, Jakem?«

»Ganz recht, Johnny-Boy. Und jetzt sehen Sie zu, dass Ihre Eier gut verpackt sind, wir sind nämlich gleich da.«

 

 

 

Auf dem Weg von Paris nach Warschau

 

»Mr. Petersime.«

»Ray.«

»Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?«

»Wenn Sie nichts mehr haben …«

»Nun ja, eine Sache wäre da noch.«

»Gut, schießen Sie los.«

»Ist Ihnen bekannt, dass die A&P Supermarktkette einen Hühnchen-von-morgen-Wettbewerb ausgerufen und 5.000 Dollar Preisgeld ausgelobt hat?«

»Ja.«

»Werden Sie sich daran beteiligen?«

»Nein.«

»Aber «

»Hören Sie, John« – und beugt sich nach vorn und klingt plötzlich bedrohlich – »ich habe keine Lust auf diese Supermarktheinis« – und dann, als hätte er all seine Verachtung seit Jahrzehnten für diesen einen Moment aufgespart – »die können sich ihre 5.000 Dollar in den nächstbesten Legedarm stecken, diese Scheißvögel!«

Woraufhin eilends Quibbles frisch polierter Schädel auftaucht.

»Was Mr. Petersime damit sagen will, ist, dass er auf Grund seiner langjährigen Erfahrung selbst am besten weiß, wie man das Hühnchen von morgen züchtet.«

Und fährt, weil er nicht will, dass noch mehr blöde Fragen gestellt und entsprechend beantwortet werden, gleich selbst fort, das Tier zu beschreiben.

»Unten ein Paar herrlich saftiger Schenkel, dazu weiches und doch zugleich bissfestes Fleisch von einer leicht blassrosa Farbe, und über allem eine Brust, aus der man tellergroße Steaks schneiden kann, derweil die Knochen tief unten, in dicken Fleischschichten begraben liegen.«

Und dann, an den Eiergroßhändler gewandt:

»Ein Vögelchen für die ganze Familie, nicht wahr, Ray?«

»Das ist es, Quibble, das ist es wirklich. Ein Vögelchen für die ganze Familie «

Und schon schnippt der mit fester Haut überspannte Schädel wieder zu Conkey zurück.

»Sehen Sie, John, die Zeiten, in denen unsere Industrie die alten, unfruchtbar gewordenen Hühner aufgekauft und ihnen kiloweise vorverdautes Getreide und Buttermilch in den Kropf gepumpt hat, sind vorbei. Das Fleisch war einfach nicht gut genug. Zu trocken. Jedenfalls bis Mrs. Steele aus Maryland kam. Fragen Sie Professor Morley, er kann Ihnen alles darüber erzählen. Er wird Ihnen sagen, dass die Brathühnchen-Industrie ihren Ursprung in Maryland hat.«

Womit er abtaucht und der erwähnte Morley A. Jull seinen Kopf aus der Luke schiebt.

»In Maryland – und in einem Versehen, John. Mrs. Steeles Hühner hatten eines Tages einfach zu viele Küken ausgebrütet. Also schlachtete sie die Kleinen und verkaufte sie an den örtlichen Fleischer. Tja, und was soll ich ihnen sagen? Die Leute waren begeistert, und der Fleischer zahlte ihr 62 Cent das Pfund, sechs Mal mehr als sie für ihre alten Hühner bekommen hatte, womit nach allem, was wir wissen, die Brathühnchen-Industrie geboren war. Jetzt aber, John, beginnt dieser herrliche Zweig uramerikanischen Wirtschaftens ins Unermessliche zu wachsen, weshalb wir es auch das Goldene Zeitalter der Brathühnchen-Industrie nennen, schließlich sind wir gerade dabei, aus Küken Hühner zu machen, die wie Küken schmecken, dabei aber größer sind, als alle Hühner zuvor. Und wie machen wir das? Nun, ganz einfach, indem wir die Vitamin-und Mineralrationen für die Tiere erhöhen. Es ist noch keine drei Jahre her, da brauchten wir noch viereinhalb Pfund Futter, um auch nur ein Pfund reines Hühnerfleisch zwischen die Zähne zu bekommen. Inzwischen aber – der Universität Maryland und einigen Futtermittelherstellern, deren Namen ich Ihnen gleich aufschreiben werde, sei Dank – brauchen wir nicht einmal mehr zwei Pfund. Und was sagt uns das? Genau, die Brathühnchen-Industrie boomt, und wir sind ganz vorne dabei. Heute Polen, morgen – wer weiß … In Amerika warten Millionen hochgezüchteter Hybrid-Hühner auf ihren Einsatz, genetisch uniformiert und ohne Furcht, in ein Flugzeug gesteckt und nach Übersee verschickt zu werden. Deshalb, John, schreiben Sie auf, was ich Ihnen jetzt sage: Amerikanische Hühnerbrüste haben Europa den Frieden gebracht! Amerikanische Hühnerbrüste werden Europa den Frieden erhalten!«

Und ab.

»Ray.«

»Ja?«

»Ich danke Ihnen.«

»Wofür?«

»Dass ich endlich verstehe. Und dass ich «

»Petersime, kommen Sie sofort runter! Die Hühner haben uns umzingelt. Wir müssen verhandeln!«

»Verdammt!«

»Durchhalten, Jungs, wir landen gleich!«
Dies natürlich Jakem, woraufhin sich Ray Petersime dem Cockpit zuwendet.

»Sind Sie sicher, Jakem?«

»Keine drei Minuten mehr, Sir.«

»Gute Arbeit, Jakem, wirklich verdammt gute Arbeit!«

»Danke, Sir.«

»Aber sagen Sie «

»Sir?«

»Was ist das da unten?«

»Eine Kirche.«

»Eine Kirche?«

»Jawohl, Sir.«

»Sie ist riesig!«

»Ganz recht, Sir.«

»Der Turm ist mindestens einhundert Meter hoch.«

»Mindestens, Sir.«

»Aber warum steht eine so große Kirche auf einem Feld?«

»Das ist kein Feld, Sir.«

»Kein Feld?«

»Nein, Sir.«

»Was ist es dann, Jakem? Was dann?!«

»Warschau, Sir.«

 

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