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Words Without Borders is one of the inaugural Whiting Literary Magazine Prize winners!
from the July 2015 issue

Lehren aus dem Menschenzoo

In den 1950er Jahren führte der Verhaltensforscher Desmond Morris Kunstversuche mit dem Schimpansen Congo durch. Was mit einer zögerlichen Bleistiftlinie Congos begann, führte bald zu ausdrucksstarken, kraftvollen abstrakten Kompositionen. Julian Huxley und Pablo Picasso zählten zu ihren Käufern.

Congo malte mit Leidenschaft, aber "Wirkung" interessierte ihn nicht. Er hatte kein Bedürfnis, seine Bilder zu zeigen. Vielmehr zerriss er sie gern, sobald sie fertig waren. Morris musste sich anstrengen, die Gemälde in jenem kritischen Moment in seinen Besitz zu bringen, in dem der Affe das Werk bereits vollendet – Versuche, es ihm vorher zu entreißen, konnten böse enden -, mit seiner Vernichtung aber noch nicht begonnen hatte.

Der Schimpanse musste zum Malen nicht motiviert werden. Im Gegenteil: Als Morris ihm versuchsweise für jedes fertige Bild einen Leckerbissen zusteckte, sank sein Interesse am Malen deutlich. Jetzt klatschte er seine Werke so schnell wie möglich auf die Leinwand, lustlos und uninspiriert, um sich dann eilig den Belohnungen zu widmen.

 

Während ich Auswilderung schrieb, meinen ersten Roman, wurde ich oft gefragt, wie lange es noch dauere. Es dauert, so lange es dauert, sagte ich. Ich arbeite an einem Buch, nicht auf dem Truppenübungsplatz. Aber ob ich denn überhaupt einen Verlag, eine Agentur hätte? Ein Produkt anzufertigen, ganz ohne Aussicht auf Abnehmer - sei das nicht naiv? Kann schon sein, dachte ich mir und widmete mich wieder der Arbeit am Text.

Was, wenn man mir für jede fertige Seite eine Handvoll Erdnüsse zugesteckt hätte? Wenn man mir die Veröffentlichung garantiert hätte, und Wirkung – zu gefallen, zu inspirieren, zu provozieren, was der Zoologe Frans de Waal für die Absichten von Menschenkunst hält? Wenn ich gewusst hätte, dass andere, vor allem Angehörige des anderen Geschlechts, von meinem Werk beeindruckt sein würden – worin der Evolutionspsychologe Geoffrey Miller den Zweck menschlicher Kunst vermutet: Hätte sich mein Ausstoß erhöht und mein Interesse vermindert? Wäre derselbe Text herausgekommen?

Die literarische Öffentlichkeit befindet sich auf der Suche nach dem, so hört man, zunehmend schwerer zu findenden "Unangepassten". Zu den interessanteren meiner Autorenfreunde zählen Persönlichkeiten wie Congo, und es mag die Mühe wert sein, ihnen ihre Manuskripte zu entwinden, ehe sie sie in Stücke reißen.

 

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1931 erprobten der Psychologe Winthrop Kellogg, seine Frau und sein zehn Monate alter Sohn Donald das Zusammenleben mit einer siebeneinhalb Monate alten Schimpansin. Titel und Ziel des Experiments: "Humanizing the Ape". Wenn "Wolfskinder" sich wie Wölfe verhielten, musste Gua sich dann nicht wie ein Menschenkind entwickeln? Der Versuchsaufbau schrieb vor, dass Gua stets wie ein Mensch und nie wie ein Tier oder gar Haustier zu behandeln sei. Donald und Gua wurden im Partnerlook gekleidet, im Kinderstuhl gefüttert, gebadet und so weiter.

In der Tat: Gua lernte, aufrecht zu gehen, mit dem Löffel zu essen und sogar, menschliche Sprache zu verstehen. Allein Kelloggs Hoffnung, dass sie auch zu sprechen begänne, erfüllte sich nicht. Donald war in dieser Hinsicht lernfähiger. Wie Gua verzichtete er bald auf Sprache und brachte seine Bedürfnisse kreischend, grunzend und bellend zum Ausdruck. Auch ging er gern auf allen Vieren und kaute an Schuhen. Kellogg brach das Experiment nach zehn Monaten ab.

Haben Affen Kultur? Es gibt zahlreiche Beobachtungen, wie Affen und andere Tiere neu erlernte oder selbst erfundene Kulturtechniken an die nächste Generation weitergeben. Einem Schimpansen ist es trotzdem vergleichsweise egal, wie die anderen etwas machen – solange er nur ebenfalls an sein Ziel kommt. In Sachen Nachahmung macht dem "Herdentier Mensch" (Friedrich Nietzsche) kein Affe etwas vor.

Übermäßig stolz scheinen wir auf diese Besonderheit nicht zu sein. Wir sprechen von "Nachäffen", nicht von "Nachmenschen". Imitiation gilt als primitiv, als Verhaltensweise von Tieren, Kindern oder eben "Wilden". Über Letztere sagte Darwin, dass sie alle "im ungewöhnlichen Maße die Fähigkeit zur Nachahmung zu besitzen scheinen".

Unter "Kultur" verstehen wir das von uns selbst Gestaltete und Umgestaltete. Wenn Tiere mehr gestalten und weniger imitieren als der Mensch: Warum wird die Existenz einer Tierkultur dann so häufig bestritten? Vielleicht, weil wir Menschen im Vorteil sind, was die Verbreitung kultureller Leistungen angeht. Ist dieser Vorteil aber auch ein Vorzug? Dawkins nutzte Beethovens Symphonien, um seine Wortschöpfung der "Meme" zu erklären, kulturelle Varianten von "Genen". Knapp vierzig Jahre später drängen sich zum Stichwort "Meme" Kulturkörperchen ganz anderer Couleur auf.

Will man ein Buch schreiben und nicht nur von Grumpy Cat und MH 370 erzählen, müssen alle Einflüsse die gleichen Chancen haben, nach vorn zu treten, und dazu müssen sie sich erst mal im Hintergrund befinden. Da wir das Imitieren nicht lassen können, ist Sorgfalt beim Kulturkonsum ratsam. Oder man folgt zuweilen Nietzsches Rat und wählt "die freie muthwillige leichte Einsamkeit".

 

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Wie viele Werwölfe gab es seit 1850? Jan Dirk Blom, Dozent für Psychiatrie in Groningen, hat in einer Studie 13 Fälle von "Lykanthropie" gezählt, einer Unterform von "Zooanthropismus", also der Wahnvorstellung, sich in ein Tier zu verwandeln. Eingebildete Werwölfe halluzinieren Klauen, Fell und Reißzähne. Ihre Sprache verkümmert. Sie heulen den Mond an, leben im Freien und ernähren sich von rohem Fleisch. Ursache ist eine Fehlfunktion der für die körperliche Selbstwahrnehmung zuständigen Gehirnareale.

Den Inhalt von Auswilderung, meinem ersten Roman, fasse ich gern so zusammen: Es geht um eine Frau, die ein Gorilla sein will. Kein Mensch wolle ein Gorilla sein, entgegnet man mir dann. Ich schon, sage ich, aber das glaubt mir kaum einer. Ein Gorilla könne schließlich keine Bücher schreiben. Eine Minderheit allerdings gibt zu, die Affen im Wald wie ich um ihren Lifestyle zu beneiden. Oder die Kühe auf der Weide.

Als Gorilla, stelle ich mir vor, dürfte ich im Freien leben, barfuß und in wärmendes Fell gehüllt. Nahrung wäre im Überfluss vorhanden und müsste nicht zubereitet werden. Keine Moral und keine gesellschaftlichen Normen hielten mich davon ab, meine Zuneigung oder meine Feindschaft zu zeigen. Die Befriedigung meiner aktuellen Bedürfnisse wäre mein Hauptinteresse. Bedrohungen wären nur konkret und nie abstrakt: Wilderer statt Finanzamt. Auch müsste ich nicht daran denken, irgendwas anzusammeln, mir etwas "aufzubauen".

Ein Werwolf sein – ich stelle es mir schön vor. Nicht zuletzt, weil ich als Wolf nicht zu jener Herrenspezies gehörte, die den Planeten "in einen menschlichen Themenpark verwandelt", wie Jonathan Franzen sagt: Seine Romanfigur Walter Berglund sorge, dass nichts anderes mehr übrig sei, es nur noch uns gebe. Kann ich Menschen nicht einmal im Wald oder in der Wüste entrinnen ob all der Jogger und Touristen, dann möchte ich wenigstens nicht Teil des Problems sein.

Ted Kaczynski brach im Sommer 1983 zu einer Wanderung auf. "Es waren zu viele Leute in der Nähe meiner Hütte, und ich brauchte meinen Frieden", erklärt er. Seinen Lieblingsplatz fand er von einer Straße verschandelt vor. Dann fing er mit dem Bombenbauen an. Sind Ökos also Misanthropen? Charles Manson, Anführer von ATWA – Air, Trees, Water, Animals – Pentti Linkola mit seinem Plädoyer für eine Zwei-Kind-Politik und Zwangssterilisationen? Keineswegs, so Linkola: Sei ein Rettungsboot überfüllt, hasse der das Leben, der nicht verhindere, dass alle zusammen untergehen.

 

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"Ich beschloss, wie ein Tier zu leben", so erklärt der Geologe Michel Siffre, was ihn 1962 auf die Idee brachte, zwei Monate in einer Höhle zu verbringen, "in der Dunkelheit, ohne die Uhrzeit zu kennen". Ahnungslos, wann es Zeit zu schlafen, aufzustehen, zu arbeiten wäre – was würde aus nine-to-five? Im ersten Selbstexperiment dehnten Siffres Tage sich nur um eine Stunde aus. Bei seinen folgenden Versuchen an sich selbst und anderen aber entwickelten alle Probanden einen 48-Stunden-Rhythmus, mit Aktivitätsphasen von etwa 36 und Schlafphasen von etwa 12 Stunden.

Ich schreibe dies um zwei Uhr nachmittags. An meinem Schreibtisch saß ich gegen zehn. Arbeitsbeginn war gegen elf. Junge Autoren haben oft ein ausgeprägtes Interesse an den Routinen ihrer Berufsgenossen. Zum Glück gibt es dailyroutines.com. Wer Hemingway nacheifert, liest man dort, darf nach etwa sechs Stunden Arbeit mit gutem Gewissen gegen Mittag Feierabend machen. Günter Grass dagegen (10 Uhr bis 19 Uhr, mit Frühstücks- und Kaffeepause) schafft schon fast die 39-Stunden-Woche. Verglichen mit Isaac Asimov (7:30 Uhr bis 22 Uhr) ist er trotzdem ein fauler Sack.

Sven Regener lässt Herrn Lehmanns Mutter auftrumpfend erklären: "Schon Viertel nach zehn, da schläft man doch nicht mehr, ich bin schon seit sieben auf den Beinen." Von meinen Eltern muss sich hänseln lassen, wer nicht spätestens um acht am Frühstückstisch sitzt. Bei keinem anderen Tier kämen wir auf die Idee, den Rhythmus von Schlaf- und Aktivitätszeiten moralisch zu bewerten. Vielleicht, weil nur wir in ihn eingreifen können – oder wollen.

 

Die 35-Stunden-Woche ist mitnichten eine Errungenschaft. Jäger und Sammler arbeiten drei bis vier Stunden täglich. Manche Naturvölker glauben, es bringe Unglück, zwei Tage am Stück zu arbeiten. Daniel Quinn erzählt die Entwicklung der Landwirtschaft zu Recht als Verfallsgeschichte. Sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen zu müssen, ist eine Strafe. Wer wollte nicht lieber von der Großzügigkeit der Natur leben? Über die Orang-Utans auf Borneo und die Lemuren auf Madagaskar erzählt man Legenden, dass sie sprechen können, es aber in ihrer Weisheit den Menschen nicht verraten. Sonst müssten sie ja arbeiten.

Wann dürfen wir, den Erkenntnissen von Wissenschaftlern wie Siffre folgend, mit gutem Gewissen die Hände in den Schoß legen? Der chronobiologisch ideale Tagesablauf sieht ab Mittag außer Essen, Siesta und ein bisschen Sport nicht mehr viel vor, von einem produktiven Höhepunkt zwischen 15 und 16 Uhr mal abgesehen. Bei mir ist es halb fünf. Feierabend.

 

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Den Korrumpierungseffekt weist man wie folgt nach: Man nimmt eine Schar Probanden, gibt ihnen eine amüsante Aufgabe – Puzzeln zum Beispiel – und misst, wie lange sie sich dieser aus freien Stücken widmen. In einer zweiten Phase belohnt man die Probanden für die mit Puzzeln verbrachte Zeit. Zuletzt stellt man das Belohnen wieder ein. Man wird feststellen, dass die Probanden jetzt weniger puzzeln als zuvor, als sie noch dafür belohnt wurden. Keine Überraschung.

Der Witz ist: Die Probanden puzzeln am Ende – und ab jetzt ihr Leben lang – weniger als ganz am Anfang, als sie es noch freiwillig taten. Das ist der Korrumpierungseffekt. Belohnt man einen Menschen für ein Verhalten, verringert sich sein innerer Antrieb. Nur sieht man von außen normalerweise nichts davon, da der innere durch einen äußeren Anreiz, eben die Belohnung, ersetzt wurde.

"Wähle einen Beruf, den du liebst, und du musst nie im Leben arbeiten", sagte angeblich Konfuzius. Hätte er den Korrumpierungseffekt gekannt, er hätte gesagt: "Mache dein Hobby zum Beruf, und es wird dir bald keinen Spaß mehr machen." Frei nach Kierkegaard: Entweder du wählst einen Beruf, den du liebst, oder du wählst einen, den du hasst; du wirst ihn am Ende so oder so hassen.

Wo ist der Ausweg? Man darf sich, ganz einfach, nicht belohnen lassen für das, was man gerne macht. Auch hier hilft ein Blick auf die Wissenschaft, genauer: den gebeutelten wissenschaftllichen Nachwuchs. Beschäftigt in befristeten Verträgen, auf halben Stellen, schlecht bezahlt, von Work-Life- Balance ganz zu schweigen. Im Internet kursiert eine Rundmail, in der amerikanische Astrophysik- Professoren die Frage ihrer Graduiertenstudenten nach der angemessenen Wochenarbeitszeit mit "80 bis 100 Stunden" beantworten.

Damals im Graduiertenstudium, so die Professoren, seien sie selbst fast immer im Büro gewesen, auch nachts und am Wochenende. Niemand habe von ihnen verlangt, soviel zu ackern – die Arbeit habe ihnen eben Freude gemacht. Das impliziert: Heute arbeiten sie weniger, und die Freude ist auch geschrumpft. Kein Wunder bei einer Anstellung auf Lebenszeit, geregelten Arbeitszeiten und guter Bezahlung.

Eine Versteigerung von drei Werken des malenden Schimpansen Congo im Jahr 2005 erbrachte  26 250 Dollar. Der Künstler selbst wurde zunächst gar nicht entlohnt und später mit Leckerbissen abgespeist. Morris hatte keinen Grund, in Anreize zu investieren, solange Congo aus freien Stücken malte. Soll man ihm vorwerfen, den Affen ausgebeutet zu haben, oder dem Affen, sich selbst ausgebeutet zu haben? Sollten die jungen Wissenschaftler sich verweigern, in den Bewerber-Streik treten, für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen?  Falls es ihnen darum geht, nach hastiger und lustloser Vollendung ihres Werkes eine Handvoll Erdnüsse einheimsen zu dürfen - dann ja. Doch falls sie ihren Beruf weiter mit Lust und Liebe ausüben wollen, erwiesen sie sich damit einen Bärendienst. Honorierte man ihre Leidenschaft besser – sie würde zu bloßer Arbeit verkommen.

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